Ist da jemand verantwortlich?

 

Klaus Kornwachs

Man kann niemanden verantwortlich machen für Naturkatastrophen. Sie geschehen einfach und nach wie vor können wir bei Ereignissen solchen Ausmaßes nur wenig tun. Aber wer ist verantwortlich für Fukushima, wer war verantwortlich für Tschernobyl? Die Frage nach der Verantwortung hat vier Komponenten: Wer ist für was wem gegenüber wie lange verantwortlich? Da wird es gleich kompliziert, denn die Entscheidung für oder gegen Kernenergie fällt nie eine einzelne Person, die man verantwortlich machen könnte. Beteiligt sind immer Gruppen, Gremien, Parlamente, Vorstände und Institutionen. Das gilt für unterschiedlichste Weisen der Entscheidungsfindung, sei sie demokratisch, planwirtschaftlich oder aktionärsgesteuert.

Die Frage nach der Verantwortung oder gar Haftung des Einzelnen bekommen wir so nicht beantwortet.Es ist ein anderer  Aspekt des verantwortlichen Handelns,  der an dieser Stelle wichtig wird: Verantwortlich handeln heißt immer auch, dem anderen die Möglichkeit zu geben, selbst verantwortlich handeln zu können. Wenn ich jemand in ein Dilemma treibe, also ihn in eine Situation bringe, in der er, egal was er tut, das Gefühl hat, schuldig zu werden, dann kann er nicht mehr verantwortlich handeln. Er muss zumindest die Wahl haben, was er tun will und tun wird. Das bedeutet, dass wir keine Entscheidungen in der Politik treffen dürfen, die uns und künftigen Generationen die Möglichkeit verbaut, ein Technologie auch wieder zurückzunehmen, d.h. zurückzubauen, wenn sie nichts taugt oder Schäden verursacht. Man kann beispielsweise zum Individualverkehr stehen wie man will – man hat immer die Möglichkeit, auf ihn zu verzichten, nicht das (Rest)-Risiko einzugehen, einen Unfall zu bauen, wenn man das nicht will.

Nukleare Unfälle sind nicht nur erschreckend, weil sie lokal Zerstörung und Tote verursachen, sondern mehr noch, weil sie zeitlich und räumlich etwas Unwiderrufliches haben. Tschernobyl steht als Chiffre für Jahrhunderte andauernde Folgen – dem Sarkophag in der Ukraine werden demnächst mindestens weitere drei an der japanischen Ostküste folgen. Aber damit nicht genug. Selbst wenn wir heute Abend schlagartig alle Meiler der Welt vom Netz nehmen und stillegen würden, hätten wir das zweite Problem dieser Meiler noch nicht gelöst: Ihre Entsorgung selbst und die Entsorgung nuklearen Abfalls. Dieses Problem haben wir jedoch schön längst – spätestens seit der ersten Kettenreaktion 1942 im ersten Versuchsreaktor in den USA.. Das Kind ist schon längst in den Brunnen gefallen, aber der Brunnen wird immer noch betrieben, er wird auch nicht abgedeckt. – Dahinter scheint wohl der Gedanke: zu stehen: Man wird in Zukunft ja schon noch eine technische Lösung finden, wie man Kinder im Fall des Falles wieder rausholt.

Sind die Forscher verantwortlich, die diesen Reaktor damals als erste gebaut haben? Sind die Militärs verantwortlich, die Hiroshima und Nagasaki bombardiert haben? Sind diejenigen Energiekonzerne verantwortlich, die Wirtschaftlichkeit über Sicherheit gestellt und sich die Politik gekauft haben? Es scheint mir billig, nun wohlfeil die Betreiber an den Pranger zu stellen. Es sind wir, die bereit waren, sie so handeln zu lassen, wie sie handeln – nämlich ausschließlich wirtschaftlich. Wenn wir Demokratie halbwegs ernst nehmen, dann sind wir alle verantwortlich für die Art und Weise, wie wir über eine solche Technologie entschieden haben, die jetzt schon nicht mehr vollständig rückbaubar ist. Wir alle sind deshalb gegenüber auch denjenigen verantwortlich, denen wir in Zukunft durch unsere technische Hinterlassenschaft die Möglichkeit verbauen, damit noch verantwortlich umzugehen. Mit unserer heutigen Informationstechnologie sind wir ja noch nicht einmal in der Lage, zukünftige Generationen über einen Zeitraum von mehr als 500 Jahren wirkungsvoll vor unseren nuklearen Endlagern zu warnen.

Wer Technik betreibt und Innovationen voranbringt, hat wohlverstandene Interessen. Wir werden geeignete Formen finden  müssen, über Technologien und  Interessen wieder offen diskutieren zu können.Wir sind nicht für die Physik und für Naturkatastrophen verantwortlich, sondern dafür, wie wir mit Gewinnern und Verlierern einer Technologie umgehen. Es wird Zeit, die jetzigen und künftigen Verlierer wieder zu berücksichtigen.

Statement WDR5 am 15.3. 2011

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.