Fragestunde – to whom it may concern

1. Wie kommt es, dass die Politik, die das sogenannte Restrisiko kannte und dieses sich und den Betroffenen für zumutbar erklärte, nun dieses Restrisiko, das sich quantitativ ja nicht geändert hat, völlig anderes bewertet? Die Technik der Reaktoren hat sich mit Fukushima nicht geändert, weder die Sicherheitsstandards noch die Reaktorphysik. Heißt die Energiewende, neben allem Voluntarismus (oder Dezisionismus als neuem Politikstil), dass die Politik eine Entwicklung nachvollzieht, die schon lange besteht und wofür nun Fukushima der letzte Tropfen im Fass war?

 

2. Fukushima ist naher an einer „ganz großen Katastrophe“ vorbeigeschrammt. Große Katastrophen, dies hat schon der Katastrophenforscher Charles Perrow (Normale Katstrophen, Campus, Frankfurt a.M. 1985 und neuere Auflagen) analysiert, geschehen nicht nur durch unglückselige Zufälle und unvorhergesehene Ereignisse, sondern durch die zu enge Verknüpfungen der Teilsysteme – eine Fehler in einem Teilsystem wirkt sich dann zu stark auf das andere Teilsystem aus und pflanzt sich so verstärkend fort. Wären die Teilsysteme nicht so eng gekoppelt, wäre ein einzelner Fehler vergleichsweise harmlos. Die enge Kopplung hat zwei hauptsächlich zwei Gründe: Technischer Fortschritt (mehr Funktionen per Raum-und Zeiteinheit sind realisierbar) und wirtschaftlicher Druck: Kopplung reduziert Kosten, erhöht aber das Risiko. Frage: Sind wir bereit, auf mehr dezentrale Systeme zu gehen, die vielleicht nicht so kostengünstig und nicht ganz am Optimum laufen, dafür aber weniger anfällig sind (Vulnerabilität)? Ist zukünftige Technik reversible (rückbaubar), dezentral (d.h. teilautonome Systeme die man bei Bedarf koppeln und trennen kann), und heterogen, d.h. unterschiedliche Techniklinien sind miteinander verträglich? Könnte man auch von einer pluralistischen Technik sprechen?

 

3. Man darf sicher fragen, wie sicher beispielsweise ein biotechnisches oder gar gentechnisches Labor bei Erdbebenstärken über 7 oder bei Flutkatastrophen ist. Japan ist ein hervorragender Standort für Biotechnologie und hat bewußt auf diese Technologie gesetzt. Wie groß ist das Restrisiko, dass aus einem durch Naturkatastrophen oder Flugzeugabstürzen zerstörten biotechnischen Labor gentechnisch veränderte Organismen entweichen, auch wenn sie unter natürlichen Umweltbedingugen nicht lange existieren mögen? 

 

4. Wie es aussieht, kommt der Klimawandel, weil sich die Weltpolitik nicht wirklich auf eine effektive CO2 Reduzierung einigen kann. Wäre es nicht dann vernünftiger, statt im Kleinen die Moralkeule der umweltpolitischen Correctness zu schwingen (Armins Grunwald nannte das Privatisierung der Nachhaltigkeit), alle Länder spezifisch auf die Folgen des Klimawandels organisatorisch, politisch und auch technologisch vorzubereiten?

 

5. Neben dem Klimawandel kommt das Problem des Bevölkerungswachstums zu kurz, wahrscheinlich, weil wir im Augenblick kein Medien-Event haben, das uns die Dramatik dieses Wachstums wieder erinnern würde. Ist die Bedrohung durch die Bevölkerungsexplosion nicht weitaus existentieller (Verteilungskämpfe, Kriege, Migrationsströme, Hungersnöte)?

 

6. In Diskussionen um einen Weg in die Zukunft werden uns immer wieder sogenannte wirtschaftliche „Notwendigkeiten“ vor Augen gehalten, z.B. dass eine Volkswirtschaft wachsen müsse. Die Wirtschaftswissenschaften geraten, so der Eindruck, in eine Krise, wie sie der Grundlagenkrise in der Physik nach 1900 vergleich bar ist. Vor allem sind die Notwendigkeiten keine Notwendigkeiten, sondern Vorschläge und Modell des Wirtschaften, nicht die Beschreibung, wie tatsächlich gewirtschaftet wird. Vorausgesetzt, dies sei so – werden wir angesichts der Verteilungs- und Bevölkerungsprobleme, des Klimawandels und der politischen wie wirtschaftlichen Machtverschiebungen in der Welt nicht eine völlig neue Art entwickeln müssen, wie wir wirtschaften wollen? Wie könnte die aussehen? Ist die Weltwirtschaft ein nicht mehr beherrschbares Gebilde? Sollte man die Bremsen wieder einziehen, die man in Bretton Woods bewusst entfernt hat? Hat der Druck der Ökonomisierung durch Priorisierung des Shareholder Values dazu geführt, dass man Sicherheitsstandards herunterdefiniert hat? (safety doesn’t sell)

 

7. Nationalökonomien sind nicht mehr der geeignete Referenzrahmen, denn das fluktuierende Kapital, aber auch die Umweltschäden und Katastrophenfolgen (menschengemacht oder nicht) machen vor nationalen Grenzen nicht halt. Die nationalstaatlichen Regulierungen verlieren an Wirkkraft, umgekehrt wachsen neue Organisationsformen heran, die keine staatliche Macht beanspruchen können und dennoch mittlerweile ein große mediale Wirkmächtigkeit in der öffentlichen Diskussion haben gewissermaßen im informalen Sektor der Politik. Gehört die Zukunft solchen Verständigungsformen?– Haben die repräsentativen Demokratien auf nationaler Ebene letztlich noch die geeignete Regulationskraft für diese weltweiten Probleme? Wie müsste eine über die UNO hinausgehende Organisation beschaffen sein, die den umweltpolitischen wirtschaftlichen und machtpolitischen „Verkehr zwischen den Nationen“ reguliert und stabilisiert? Sind Begriffe wie „nationale Souveränität“ und „wohlverstandenes wirtschaftliches Interesse“ angesichts dessen, was auf uns zuzukommen droht, nicht doch etwas lächerlich geworden?

 

8. Auf nationaler Ebene (oder auch auf Europäischer) könnte man fragen, ob der Weg der rücksichtslosen Privatisierung von Grundgütern (wie Bildung, Energie, Mobilität, Gesundheit etc.), also Gütern, auf deren gerechte Verteilung zumindest ein gefühltes Anrecht besteht, richtig war und ob auch hier eine Wende zu erwarten ist.

P.S.: Diese Fragen ergaben sich in einer Telephondiskussion …

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